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Leben nach dem JUKSS

Probleme und Hilfen für das „Loch danach“

Von Falk Beyer

Der Jugendumweltkongress ist für viele Teilnehmis1 ein Experimentierfeld zur Entwicklung einer anderen Gesellschaft. Manche kommen hier zum ersten Mal mit grundlegender Gesellschaftskritik in Kontakt und lernen Menschen kennen, die ihr Leben ganz anders gestalten, als es die meisten Menschen in der uns umgebenden Gesellschaft tun. Ideen für die Veränderung des eigenen Lebens nehmen Form an. Dann ist der JUKSS vorbei, mensch kommt zurück in die „normale“ Welt von Schule, Familie und sehr viel oberflächlichem, unreflektiertem Verhalten. Die Erinnerung, dass es anders und viel angenehmer sein kann, trifft auf den rücksichtslosen Alltag. Für manche Menschen ist die Zeit nach dem JUKSS der Fall in ein „Loch danach“, aus dem herauszukommen schwer fällt. In diesem Text soll es um dieses Problem und Hilfen zum Umgang damit gehen.

„Nimm die blaue Kapsel, und du wirst vergessen was du gesehen hast. Du wirst dein bisheriges Leben weiterleben und keine Ahnung davon haben, wie es anders sein könnte. - Wenn du aber die rote Kapsel wählst, wirst du nicht mehr so leicht wegschauen und die Brutalität herrschender Verhältnisse ausblenden können. Aber du wirst das Leben und die Gesellschaft sehr viel klarer betrachten. Die Täuschungen und Ausblendungen, von denen der Alltag geprägt ist, werden deutlicher. Zusammenhänge erkennen, gesellschaftliche Missstände erkennen und angehen, Utopien für eine Welt ohne Herrschaft entwickeln können.“2

Ein wenig abgewandelt soll dieser Vorspann an den Film „Matrix“ erinnern, der, wenn mensch sich auf die Grundstory beschränkt und die platte Effekthascherei im Film ausblendet, einige spannende Denkansätze bereithält. Es geht mir nicht darum, dass es eine Machtgruppe gäbe, die uns alle per Computersimulation ein Leben vorgaukelt, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Es geht mir um die Idee der Matrix, die durch Diskurse, Erfahrungen und Normsetzung entsteht. Die Beherrschung der eigenen Wahrnehmung und des Denkens durch Diskurse kann als Analogie zur Fremdbestimmung der Computersimulation aufgefasst werden. Nur ist es in „unserer Welt“ nicht einfach ein Programm, das bestimmt, wie wir denken und wahrnehmen.

Die meisten von uns lernen, dass es zwar viel Kritikwürdiges gibt, aber unser Leben im Wesentlichen so sein muss, wie es schon ist, weil Sachzwänge, angebliche Naturgegebenheiten („der Mensch ist so und so“) und undurchbrechbare Gewohnheiten ein utopisches Leben unmöglich machen würden. Häufig ist das Wissen über Missstände (ungerechte Verteilung von Reichtümern, Zerstörung der Lebensgrundlagen und vieles mehr) vorhanden, aber der Mainstream aus Schule, Medien, Politik, Elternhaus und mehr vermittelt uns auch, dass es unrealistisch ist, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Natürlich wäre es schön, wenn kleine Menschen nicht zur Schule gezwungen werden müssten, wenn arbeiten geht, wer Lust darauf hat, alle Zugang zu allen lebenswichtigen Ressourcen hätten. Aber das ist unrealistisch, wir sollten zufrieden sein, wenn wir das Schulsystem in jahrelangem Kampf durch die vorgeschriebenen Institutionen reformieren können. Oder wenn die „Rettung“ eines Stückchens Natur nach langwierigen Kämpfen auf formaler Ebene (Anhörungsverfahren, Klagen, Einflussnahme über Parteien, ...) gelingt. Auch wenn gleichzeitig ein Vielfaches an Naturlandschaften versiegelt und zugebaut, der Lebensraum für viele Wesen vernichtet wird. Oder eben immer wieder neue kleine Menschen für das Funktionieren in der vielerseits als gewalttätig erkannten Gesellschaft zugerichtet werden. Dann kommt der JUKSS - eine kurze Phase in einer Welt, in der manches, nicht alles und auch nicht ausreichend vieles!, anders, utopischer ist3. Ich erfahre Hintergründe und Zusammenhänge, die mir bisher nicht klar waren und mir deutlich machen, dass ich wieder etwas von meinem bisherigen Leben verändern müsste. Und ich lerne Menschen kennen mit ihren Ansätzen zum Umgang damit. Die Schule ist ein solches Thema für viele JUKSSies. Nicht nur in den schulkritischen Workshops, sondern auch durch Gespräche mit anderen Teilnehmis vermitteln sich grundlegende Kritiken am Schulsystem und dem Zwang zur Mitwirkung daran. Dann trifft mensch nach und nach gleichaltrige Leute mit ähnlichen Erfahrungen wie es die eigenen sind und erfährt, dass diese sich entschieden haben, die Schule abzubrechen und ihr eigenes Leben führen wollen. Viele Fragen eröffnen sich, ob mensch eigentlich wirklich so weiter machen möchte wie bisher und wie konsequent ich sein kann und will. - Das hier beschriebene ist nur ein mögliches Szenario, kommt aber häufiger vor.

Vielen Menschen fällt es in der ersten Zeit nach dem JUKSS schwer, sich wieder an die „Normalität“ zu gewöhnen. Zurückgeworfen in einen Alltag voller Zwänge und mit sehr viel weniger Selbstbestimmung. Oberflächliche Gespräche, Verständnislosigkeit für die neuen Denkansätze und Sichtweisen, manchmal auch der „Vorwurf“4 nicht mehr normal zu sein. Von diesem Loch nach dem JUKSS erzählen viele Teilnehmis - für manche betrifft das ein paar Tage oder Wochen, für andere viele Monate. Der Umgang mit diesem Gefühl ist ganz unterschiedlich: gewiss versuchen viele, sich wieder anzupassen und ihr „normales Leben“ wieder aufzunehmen, arrangieren sich gewissermaßen mit der Umgebung, von der sie bereits wissen, dass sie sehr viel Leid und Ungerechtigkeiten produziert. Manche beginnen, ihre Lebensumstände zu verändern und wollen ihre Ideale umzusetzen. Leider gibt es auch sehr viele, die an diesen Umständen verzweifeln. Und dann gibt es natürlich noch viele Abstufungen von dem Beschriebenen und ganz andere Umgangsweisen.

So unangenehm diese Situation für die Betroffenen im konkreten Fall auch ist, macht dies jedoch auch deutlich, welches Potential der JUKSS für grundlegende Veränderungen der Gesellschaft hat. Dass Menschen aus dem eigenen bisherigen Umfeld kein Verständnis für die neuen Ideen und Lebenswünsche aufbringen oder sogar dagegen ankämpfen ist gewissermaßen ein Spiegel der gesellschaftlichen Zustände. Da, wo neue Ansätze, die grundlegende Veränderungen fordern, auf die bisherige Gesellschaft stoßen, entsteht Reibung. Diese kann Ausgangspunkt für weitergehende Vermittlung von Idealen und praktischen Utopieansätzen bilden, trägt aber hier auch die Gefahr in sich, dass alleingelassene Menschen darin untergehen.

Dass der JUKSS für viele Teilis nach seinem Ende ein „Loch“ hinterlässt, spricht also nicht gegen ihn, sondern verdeutlicht, wie krass die Abläufe in der Gesellschaft des Mainstreams, zu der wir auch gehören, sein können. Damit wird aber auch deutlich, wie notwendig es ist, aktiv an der Veränderung dieser Gesellschaft mitzuwirken. Einer Gesellschaft, die Andersartigkeit tendenziell abstößt, wenn sie diese nicht „assimilieren“5 kann. Nötig ist es sowohl zu sensibilisieren für Missstände, als auch Alternativen aufzubauen, damit aus dem Wissen auch Handeln folgen kann.

Viele Menschen bemerken, dass sie die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Ausbeutung von Menschen und nichtmenschlichen Tieren nicht mehr mittragen, dass sie ihr Leben grundlegend verändern wollen. Wenn sie dann zurückkehren in die Welt aus der sie kamen, fehlt oft die Energie oder Unterstützung, um dies in die Praxis umzusetzen. Nur wenige schaffen dies aus eigener Kraft heraus. Der JUKSS hat aber auch das Potential, dass Menschen sich hier zusammenfinden und Verabredungen darüber hinaus treffen. Dass der Jugendumweltkongress früher einmal gerade in diesem Bereich der Vernetzung und Organisierung von politisch engagierten Menschen eine hohe Bedeutung hatte, ist in den letzten Jahren kaum noch zu spüren gewesen. Solche politischen Zusammenhänge aus dem JUKSS heraus zu initiieren könnte helfen, dass Menschen mit ihren Ideen und Problemen nach dem Kongress nicht alleine dastehen und immer wieder ein Stückchen Veränderung bedeuten.

Dieser Text entstand nach der Auswertung des Bielefelder Jugendumweltkongresses 2005/2006 aus der Erkenntnis, dass die Problematik des „Lebens nach dem JUKSS“ bisher zu wenig thematisiert wurde. Uns war durch persönliche Betroffenheit bewusst geworden, dass es immer wieder Menschen gibt, für die der JUKSS sehr viel verändert und die nur schwer damit klarkommen, plötzlich wieder alleine in ihrer bisherigen Umgebung klarkommen zu müssen. Wenn dann auch das bisher engste Umfeld - die Familie - meint, du müsstest psychologisch oder gar psychiatrisch behandelt werden, ist das eine krasse Konsequenz. Vermutlich passiert dies eher selten, aber auch der Einzelfall ist wichtig genug zu überlegen, wie wir bewusster, sensibler und uns gegenseitig hilfsbereiter verhalten können.

Neben der Schärfung der Sensibilität im Umgang miteinander - was auch heißen kann, dass mensch sich mehr damit auseinandersetzt, wie das Leben nach dem JUKSS sein wird und welche Ängste da bestehen - wäre zu überlegen wie Menschen unterstützt werden können, denen es mit ihren Perspektiven außerhalb des JUKSSes nicht gut geht. Aber es sollte nicht nur um Hilfestellungen für Krisensituationen gehen - besser und spannender erscheint mir, Ideen zu entwickeln, wie aus dem JUKSS mehr für den Alltag entstehen kann: Kontakte aufrechterhalten, Aktivitäten entwickeln, die Voraussetzungen für ein utopischeres Leben schaffen. In diese Richtung geht auch die Idee von „365 Tage JUKSS“6, die dieses Jahr beim Jugendumweltkongress debattiert werden soll.

Eine andere - damit kompatible - Idee ist ein Workshop zum „Leben nach dem JUKSS“ auf dem JUKSS. Wo stehst du gerade? Wer hat Lust darauf mit wem was nach dem JUKSS weiterzumachen? Welche Projektideen gibt es? Wie könnte es funktionieren, Utopien zu entwickeln und zu leben zu versuchen, ohne vom Druck der „Normalität“ allzu sehr daran gehindert zu werden? Das könnten Schwerpunkte dieses Workshops werden. Spannend wären auch hier die methodischen Ansätze: finden sich Menschen in Tuschelrunden zueinander, werden Ideen und Vorstellungen im Brainstorming gesammelt, welche kreativen und praktischen Mischformen wären sinnvoll dafür. Denn auch die Methode hat Einfluss7 darauf, wie wohl sich die beteiligten Menschen bei den gemeinsamen Entwicklungsprozessen fühlen.

Eine einfache Entscheidung zwischen „roter“ und „blauer“ Kapsel gibt es natürlich nicht, wenn es um die Komplexität von Gesellschaft geht. Aber wenn du dich dafür entscheidest, dich auf ein utopischeres, die gesellschaftlichen Zusammenhänge ausmachendes, selbstkritischeres und „fragend voran schreitendes“ Leben einzulassen, sollst du nicht allein dastehen. In diesem Sinne: bildet (reflektiert) Banden :-) und organisiert euch!

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